Simon Assmann
Auslandsaufenthalt in: Kuba
Studiengang: Dokumentarfilm
Heimathochschule: Filmakademie Ludwigsburg
„Improvisation setzt viel kreatives Potenzial frei“
Ein Deutscher in Kuba: Beim Filmemachen zeigt sich das wahre Leben im sozialistischen Karibikstaat
Der 28-jährige Dokumentarfilmstudent Simon Assmann, den Auslandsstudien bereits nach Hollywood und an die renommierte Escuela Internacional de Cine y Televisión (EICTV) in Kuba geführt haben, gilt an der Filmakademie Baden-Württemberg als überdurchschnittliches Talent. Bester Beweis dafür ist die 45-minütige Reportage „Mi revolucion“, ein Film über den Generationenkonflikt zweier kubanischer Frauen, von denen die ältere einst Ché und Fidel unterstützte und die jüngere sich im Ché-Guevara-T-Shirt mit Protestsongs gegen das kubanische Regime wendet.
Wir haben mit Simon Assmann gesprochen – über seine Vorbereitungen auf die Kuba-Reise und darüber, was es bedeutet, einen Dokumentarfilm in einem der letzten kommunistischen Länder der Erde zu drehen.
Wie haben Sie eigentlich von der Landesstiftung Baden-Württemberg und vom Baden-Württemberg-STIPENDIUM erfahren?
An der Filmakademie Baden-Württemberg gibt es seit zwei Jahren ein Austauschpro-gramm mit der EICTV. Jedes Jahr kommen zwei kubanische Studenten nach Ludwigs-burg und zwei deutsche Studenten, die sich einem strengen internen Auswahlverfah-ren stellen müssen, gehen nach Kuba. Daher wusste ich von der Möglichkeit einer Förderung durch das Baden-Württemberg-STIPENDIUM.
Für die Wahl Ihres Auslandaufenthaltes war also die bestehende Kooperation mit der EICTV ausschlaggebend?
Nein, ich habe mich ganz bewusst für Kuba entschieden. Ich kenne Latein- und Süd-amerika von verschiedenen Reisen. Da hat es mich einfach interessiert, wie die Men-schen in einem kommunistisch regierten Land leben, arbeiten und denken. Außerdem bietet Kuba ein äußerst interessantes Betätigungsfeld für Filmemacher, weil sich hier vieles über die Jahrzehnte konserviert hat: die Architektur, die Autos, das Zusammen-leben der Menschen.
Wäre der Auslandsaufenthalt für Sie auch ohne Stipendium möglich gewesen?
Nein, die Reise hätte ich mir ohne Unterstützung nicht leisten können. Schon allein deshalb, weil ich in den sechs Monaten dort keinerlei Nebenbeschäftigung nachgehen konnte, um mir den Aufenthalt zu finanzieren. Das Baden-Württemberg-STIPENDIUM war eine große Hilfe für mich.
Wie haben Sie sich auf Ihren Aufenthalt in Kuba vorbereitet?
Zuerst informierte ich mich bei den beiden Studenten der Filmakademie, die im Jahr zuvor diesen Austausch absolviert hatten. Außerdem sprach ich mit einer Dozentin un-serer Dokumentarfilmklasse, die an der EICTV als Gastdozentin unterrichtet hatte. Sie riet mir, mich vor meiner Abreise genauer über Kuba zu informieren, da es im Land selbst schwer sei, an unabhängige Informationen zu gelangen. Anhand empfohlener Dokumentarfilme und Bücher – beispielsweise der deutschen Biographie über Fidel Castro von Volker Skierka oder „Family Portrait with Fidel“ von dem ins Exil geflohenen Kubaner Carlos Franqui – versuchte ich, möglichst viel über Kubas Geschichte und die Lebensverhältnisse der Menschen zu erfahren.
Mit welchen Erwartungen sind Sie an die EICTV gegangen?
Ich wollte das Studium dort natürlich nutzen, um mich weiterzubilden, dazuzulernen, einen neuen Blick auf das Drehen von Dokumentarfilmen zu bekommen. An der EICTV lehren andere Dozenten als an der Filmakademie in Ludwigsburg – Filmemacher und Produzenten, die an das Erzählen von Geschichten zum Teil ganz anders herangehen, als wir das in Europa kennen. Davon wollte ich profitieren.
Was hat Sie positiv beeindruckt, was hat Sie überrascht?
Überrascht war ich davon, wie sehr das allgemeine Leben auch das Filmemachen be-einflusst. Man muss in Kuba jeden Drehort und jedes Interview beantragen und bis zu sechs Wochen auf die Genehmigungen warten. Unter solchen Umständen wären in Deutschland viele Projekte einfach abgebrochen worden. Die Kubaner aber schaffen es, trotz widriger Bedingungen mit Ruhe und Nachdruck zum Ziel zu kommen. Das hat mich nachhaltig beeindruckt.
Was hat Ihnen nicht gefallen?
Ich kann eigentlich nicht sagen, dass mir etwas überhaupt nicht gefallen hat. Sicherlich ist die technische Ausstattung der EICTV nicht mit der in Ludwigsburg vergleichbar. In Kuba gibt es beispielsweise nur drei Schnitträume für 150 Studenten – da kann man selten länger als ein paar Stunden am Stück arbeiten. Die spartanische Ausstattung hat aber nicht nur negative Seiten, denn der Zwang zur Improvisation setzt auch viel kreatives Potential frei.
Sie sind ja sicherlich mit konkreten Vorstellungen nach Kuba gegangen. Haben sich Ih-re Erwartungen an das Land erfüllt? Sind Vorurteile bestätigt worden?
Vor der Reise hatte ich eine Vorstellung von Kuba, die sich zusammensetzte aus den Bildern von romantisch verklärtem Sozialismus, alten amerikanischen Autos, kolonialen Bauten und Menschen, die zu karibischen Rhythmen singen und tanzen. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass Filme westlicher Regisseure, vor allem die in letzter Zeit erfolgreichen Musikfilme, oft ein ungenaues Bild von den auf Kuba herrschenden Le-bensbedingungen zeichnen, da sie die sozialen und gesellschaftlichen Umstände ein-fach aussparen. Wim Wenders „Buena Vista Social Club“ ist hierfür ein gutes Beispiel.
Bei genauerem Hinsehen erkennt man in Kuba eine Zweiklassen-Gesellschaft: Die einen haben kubanische Dollars und können in Dollarläden einkaufen, die anderen ha-ben nur Pesos, mit denen sie lediglich die zum Überleben notwendigen Dinge kaufen können. Die einen haben Verbindungen zu Leuten in der Partei und genießen Privile-gien, die anderen nicht. Ein riesiger Schwarzmarkt, ohne den Kuba nicht überleben könnte, existiert neben der Planwirtschaft des kubanischen Staates. Und ein sehr gut funktionierendes Bespitzelungssystem, die so genannten CDRs, verteidigen die Revo-lution gegen Andersdenkende. Ich habe niemanden getroffen, der nicht Angst hatte, frei auszusprechen, wie es mit Kuba nach 45 Jahren Revolution kommunistischer Prä-gung steht. Das hat mein eingangs beschriebenes Bild natürlich stark relativiert.
Haben Sie auch positive Erfahrungen sammeln können?
Ja, natürlich. Im Gegensatz zu dem politischen, undurchschaubaren System sind die Menschen auf Kuba sehr offen und gastfreundlich. Besonders auf dem Land wurden wir ganz selbstverständlich zum Kaffee eingeladen und bekamen das Leben, das viel mehr in der Öffentlichkeit stattfindet, hautnah mit. Das kubanische Lebensgefühl ist be-stimmt durch das Leben in der Gegenwart, weil die Zukunft für viele ungewiss ist. Die-ses leichte und direkte Lebensgefühl war besonders bei den jungen Leuten zu spüren.
Info:
Die Escuela International de Cine y Televisión (EICTV) liegt rund 80 km westlich von Havanna nahe der Stadt San Antonio de los Baños, relativ abgeschieden zwischen Bananen- und Grapefruitplantagen. Sie wurde 1986 von der Fundación del Nuevo Cine Latinoamericano (FNCL) mit persönlichem Einsatz des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez und des aus Argentinien stammenden Dokumentarfilmers Fernando Birri gegründet. Die Schule bietet rund 80 Studenten die Möglichkeit, sich in einem zweijährigen Studium in Regie, Kamera, Drehbuch, Ton oder Produktion ausbil-den zu lassen. Die Dozenten, meist Professionelle der Filmindustrie aus verschiedenen Ländern Europas, Südamerikas und den USA, lehren in ein- bis sechswöchigen Block-seminaren an der EICTV. Ein Großteil der Studenten stammt aus den Ländern Mittel- und Südamerikas, aber auch Studenten aus Afrika und Europa sind dort in Austausch-programmen oder im regulären Studium eingeschrieben. Die EICTV und gehört heute zu den renommiertesten Filmschulen Lateinamerikas.
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