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Schreiner aus Leidenschaft

Schreiner aus Leidenschaft

Der Kenianer Francis Shikwa Ambani blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Dank des Baden-Württemberg-STIPENDIUMs für Berufstätige hat der Schreiner eine zweimonatige Weiterbildung in Karlsruhe gemacht. Seine Erfahrung gibt er nun an seine Auszubildenden in Kenia weiter.

Selbst wenn Francis Shikwa Ambani mit seinem Motorrad unterwegs ist, hat der Kenianer einen Bleistift in seinen kurzen Rastalocken stecken – und einen Zollstock in der Seitentasche seiner Arbeitshose. Als könnte es der 24-jährige Schreiner gar nicht erwarten, wieder in die Werkstatt und an die Arbeit zu kommen. Jetzt, am frühen Vormittag, steht Ambani mit acht Jugendlichen rund um eine Werkbank im Karai Childrens Vocational Centre, einem Heim für Waisen und Straßenkinder in Kikuyu, einer Kleinstadt etwa 20 Kilometer von der kenianischen Hauptstadt Nairobi entfernt. Ans Heim angeschlossen sind eine Grundschule und ein Berufsbildungszentrum, in dem auch Schreiner ausgebildet werden. Ambanis Augen blitzen wach und aufmerksam, während sein Blick über „seine“ Azubis wandert. Gerade beschreibt er ihnen die Aufgabe für den heutigen Morgen: „Ihr sollt eine einfache Verbindung zwischen zwei Holzstücken herstellen“, erklärt er seinen Schützlingen in der Landessprache Kisuaheli. „Und zwar zwei kurze Holzstücke zu einem Kreuz zusammenbauen.“ Um den Jugendlichen eine bessere Vorstellung davon zu vermitteln, verteilt er ein DIN-A4-Blatt, auf dem die verschiedenen Arbeitsschritte aufgezeichnet sind. Der begleitende Text ist auf Deutsch verfasst – Ambani hat das Aufgabenblatt Ende 2018 aus Karlsruhe mitgebracht. Dort konnte er dank eines Baden-Württemberg-STIPENDIUMs für Berufstätige an der Heinrich-Hübsch-Gewerbeschule eine zweimonatige Weiterbildung machen. „Was wir heute machen, war meine erste Aufgabe in Karlsruhe“, erklärt er. Lesen konnte er die deutsche Anleitung zwar nicht, aber sein Ausbilder Peter Winklhofer übersetzte ihm diese und andere Texte geduldig ins Englische. Wie dankbar Ambani Peter Winklhofer ist, den er seit vielen Jahren kennt, spricht aus jedem zweiten Satz. „Er ist wie ein Vater für mich“, sagt der junge Schreiner.

Ein schwieriger Start ins Leben

Die Tragweite dieses Satzes versteht erst so richtig, wer Ambanis Geschichte kennt. Aufgewachsen ist er selbst in dem Kinderheim, in dessen angeschlossener Schreinerei er mittlerweile arbeitet und junge Menschen ausbildet – noch nicht als Werkstattleiter oder fertiger Berufsschullehrer, aber als erfahrener Schreiner, der bei der praktischen Ausbildung immer wieder einspringt. An seinen leiblichen Vater hat er keine Erinnerung. Seine Mutter war häufig betrunken und ganz offensichtlich vom Leben überfordert, jedenfalls kümmerte sie sich nicht um Francis und seinen älteren Bruder. „Schließlich bin ich abgehauen und habe mein eigenes Ding gemacht“, sagt er nüchtern – da war er vier oder fünf Jahre alt. Es folgten Jahre auf der Straße, damals noch in Eldoret, einer Stadt im Westen Kenias. Francis bettelte und stahl sich etwas Essen zusammen, war aber „immer  hungrig“. Um den Hunger und den gesamten Rest zu vergessen, schnüffelte er Klebstoff. Einmal hätte er die Folgen des Hungers fast nicht überlebt: Als er sich wieder einmal einen Maiskolben von einem fremden Holzkohlegrill schnappte, wurde er erwischt, und der Mob jagte ihm nach – Lynchjustiz, auch gegen Kinder, ist in Kenia weit verbreitet. „Sie hätten mich fast totgeschlagen“, sagt Francis, der damals sechs oder sieben Jahre alt war, so genau weiß er das nicht. An seine Todesangst erinnert er sich dagegen gut. Während die Menge auf ihn einschlug, gab er sich selbst nur eine Überlebenschance von 50 Prozent. Um zu zeigen, wie ernst die Sache war, schiebt er seine Haare am Hinterkopf etwas auseinander, sodass eine Narbe sichtbar wird: Einer seiner Verfolger hieb damals mit einem Buschmesser auf ihn ein, traf ihn am Kopf.

Aber Francis hatte Glück: Ein Polizist griff ein, befreite den Jungen aus den Fängen der Menge – und steckte ihn ins Gefängnis. Ein Jahr lang sei er mit einer Gruppe anderer Jungen in einer Gemeinschaftszelle festgehalten worden. Sie hätten als Kinder keine besondere Fürsorge bekommen, sagt Francis, auch keinen Schulunterricht. Nach etwa einem Jahr bekamen die Jungen im Gefängnis Besuch: Mitarbeiter eines Kinderheims in Eldoret hatten noch einige Plätze frei. Francis war unter den Ausgewählten, aber zunächst alles andere als dankbar für das weiche Bett und die regelmäßigen Mahlzeiten in seinem neuen Zuhause. „Ich war das alles nicht gewohnt“, sagt er. „Nach einer Woche wollte ich abhauen.“ In den ersten Wochen ergriff er mehrmals die Flucht, wurde aber immer wieder gefunden und zurückgebracht – bis er aufgab. „Von da an dachte ich: ,Wenn ich schon mal hier bin, kann ich in der Schule genauso gut aufpassen und etwas lernen.‘ “

Vom Straßenkind zum Mentor


Das war die Wende. Nach der Grundschule, die in Kenia aus acht Klassen besteht, entschied sich Francis für eine Berufsausbildung. Seine Noten waren nicht gut genug für die weiterführende Schule. Von den Kursen, die im Karai Berufsbildungszentrum angeboten wurden, interessierte ihn das Schreinern am meisten. Damit hat er, so scheint es, eine Berufung gefunden. Während er jetzt zwischen den jungen Menschen steht, denen er an diesem Morgen etwas beibringen will, wirkt er sehr viel älter als seine 24 Jahre, sehr reif und sehr verantwortungsbewusst. Wenn einer der Azubis nicht weiterkommt, erklärt ihm Ambani geduldig und mit einem sehr warmherzigen Blick, wie er das Problem lösen kann. „Er bleibt immer freundlich, und oft ist er lustig“, schwärmt der 22-jährige Jared Amusavi, der seine Ausbildung erst vor einigen Wochen begonnen hat. „Er ist mein Mentor, ich gucke mir viel von ihm ab.“ Dazu gehört auch der sorgfältige Umgang mit Werkzeugen und Maschinen – darauf lag ein Schwerpunkt während Ambanis zweimonatiger Weiterbildung in Karlsruhe, die er dank eines Baden-Württemberg-STIPENDIUMs antreten konnte. Der Kontakt zur dortigen Heinrich-Hübsch-Gewerbeschule bestand schon seit 2015. Damals kam Peter Winklhofer für zwei Monate nach Kenia und unterrichtete den Schreinerlehrgang am Karai Childrens Vocational Centre. Von der Möglichkeit, sich für ein Stipendium zur Weiterbildung zu bewerben, hatte ihm die Deutsche Sarah Müller erzählt, die im Karai Berufsbildungszentrum die Schneiderei leitet und selbst eine ehemalige Stipendiatin der Baden-Württemberg Stiftung ist.

Die Schreinerwerkstatt in Kikuyu ist sauber, alle Werkzeuge hängen an ihren Plätzen oder liegen ordentlich in Schubladen. Auch die wertvollen Werkzeugmaschinen hat Ambani im Blick, er säubert und schärft sie, damit sie möglichst lange halten. Wenn er ein Problem hat, das er selbst nicht lösen kann, ruft er seinen Mentor Peter Winklhofer in Karlsruhe an. „Dann gibt es immer eine Lösung.“ Inzwischen haben die ersten Azubis ihre heutige Aufgabe beendet. Ambani guckt sich die Ergebnisse an, gibt hier und da nochmal Tipps. Die Jugendlichen hören ihm aufmerksam zu; dass sie dem Älteren vertrauen, ist spürbar. Häufig erzählen sie Ambani auch von Sorgen, die mit ihrer Ausbildung nichts zu tun haben. Sie vertrauen sich ihm an, wenn ein Lehrer streng mit ihnen war, wenn sie mutlos sind, wenn sie Geldsorgen haben. Viele von ihnen leben in dem Heim und haben eine ähnliche Lebensgeschichte wie Francis Shikwa Ambani. Weil sie spüren, dass auch er vom Leben nicht verwöhnt worden ist, nehmen sie seine Ratschläge ernst. Dabei verlangt Ambani durchaus etwas von seinen Schützlingen. „Ich fordere sie immer wieder dazu auf, sich anzustrengen und nicht aufzugeben“, sagt er. „Ich sage ihnen, dass es an ihnen liegt, was sie aus ihrem Leben machen. Jeder hat seine Zukunft in seinen Händen und in seinem Hirn.“ Während er mit den Azubis redet, wirkt Ambani gelassen und zufrieden. „Ich habe einen weiten Weg zurückgelegt“, bestätigt er. „Und darüber bin ich glücklich.“ Das ist für ihn kein Grund, sich nun mit dem zufriedenzugeben, was er bereits erreicht hat: „Mein Traum ist eine eigene Werkstatt.“ Dann möchte er noch mehr Lehrlinge ausbilden, sein Wissen und seine Zuversicht weitergeben.

Reportage: Bettina Rühl. Fotos: Kevin Ouma.

Veröffentlicht in: Perspektive 01/2019. Diesen und weitere Artikel finden Sie auf https://perspektive-bw.de/

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Das Baden-Württemberg-STIPENDIUM für Berufstätige bietet Einblicke in die Arbeitsweise, die Betriebsstrukturen und die Führungskonzepte verwandter Branchen in anderen Ländern. Es richtet sich an junge Berufstätige, die eine abgeschlossene nichtakademische Berufsausbildung haben und einen überdurchschnittlich guten Abschluss vorweisen können. Orientiert am Prinzip der Gegenseitigkeit verfolgt das Baden-Württemberg-STIPENDIUM für Berufstätige das Ziel, baden-württembergischen und ausländischen Bewerberinnen und Bewerbern einen Auslandsaufenthalt in Form eines Praktikums oder einer Weiterbildung zu ermöglichen. Von diesen Auslandserfahrungen und den neu erworbenen Fertigkeiten profitieren nicht nur die jungen Berufstätigen persönlich, sondern auch die Betriebe im Heimatland.